A – Jugend: Frankenderby entscheidet sich zugunsten der Erlanger

HC Erlangen – HSC 2000 Coburg 25:18  (12:9)

Die Ausgangssituation vor dem Spiel war klar: der HSC wollte gewinnen, konnte aber eine Niederlage eher verkraften als der HC Erlangen, der siegen musste, um nicht frühzeitig den Anschluss an den sechsten Tabellenplatz zu verlieren. Außerdem strebten die Hugenottenstädter vor heimischem Publikum natürlich den Derbysieg an. Der HC Erlangen, so sollte man daher meinen, machte sich selbst wahrscheinlich vor dem Anpfiff den  größeren Druck und hatte mit seinem strapazierten Nervenkostüm mehr zu kämpfen als der HSC. Wer so dachte, wurde am Samstag leider eines Besseren belehrt.

Vor einer prächtigen Kulisse von offiziell 520 Zuschauern, inoffiziell gar mehr als 700 Fans, darunter zahlreichen mitgereisten Coburger Anhängern inklusive des Vorstands, der Geschäftsführung und Cheftrainer  Jan Gorr sowie lautstarkem Support durch den Fanclub Veste Nord, entwickelte sich ein rasantes Spiel, bei dem die Gastgeber zunächst den besseren Start hatten und rasch 4:1 führten. Drei Tore erzielte hierbei der Ex-Coburger Christian Froschauer, der insbesondere in der Anfangsphase von den HSC-Youngsters nicht in den Griff zu bekommen war. Trainer Martin Röhrig ahnte Ungemach und nahm folgerichtig schon in der 10. Minute die erste Auszeit, was auch die beabsichtigte Wirkung zeigte.

Fünf Minuten lang ließ die gelb-schwarze Abwehr nämlich nun keinen Treffer mehr zu, überraschte die Erlanger Abwehr mit schönen Kombinationen und schnellen, präzisen Tempogegenstößen und verschaffte sich so eine 4:5-Führung. Der HSC war auf einem guten Weg, denn tatsächlich zeigten die Erlanger Nerven und vergaben gute Chancen oder scheiterten am aufmerksamen Torwart Fabian Apfel. Doch bereits in dieser starken, überzeugenden Phase der Coburger deutete sich in einigen Szenen an, dass die HSC-Spieler Probleme hatten, kühlen Kopf zu bewahren. Das Spiel der Coburger war gefällig und überzeugend, doch bereits in der elften Minute vergaben die Vestestädter einen Siebenmeter durch einen Heber, der auf dem Tornetz landete. Statt schnörkellos und humorlos zu vollenden, versuchten es die Coburger bisweilen zu genau und zu kompliziert.

Mangelnde Coolness wurde immer mehr zum Hauptmanko des HSC. Alles das, was die Spieler in den Partien zuvor gegen Hanau und Hüttenberg ausgezeichnet hatte, nämlich zwischem schnellem Tempogegenstoß und ruhigem Spielaufbau zu variieren, verschwamm mit fortschreitender Spieldauer. Die in den vorherigen Begegnungen so eindrucksvolle Abgebrühtheit, auch einmal die Geschwindigkeit herauszunehmen und die dreißig Sekunden trotz des gehobenen Arms des Schiedsrichters, der üblichen Zwischenrufe von den Rängen und der entsprechenden Gestik von der gegnerischen Bank erst recht mit fast schon provozierender Geduld auszuspielen, ging von Minute zu Minute ohne Not immer häufiger in dem fast schon zwang- und krampfhaften Bemühen unter, man müsse den Sieg mit der Brechstange, mit Gewaltwürfen und schnellen Abschlüssen erzwingen.

Da das HSC-System eher auf den Weg durch die Mitte zugeschnitten ist, entstand zudem als Konsequenz beim Spielaufbau eine masive Konzentration im Angriffszentrum. Die Erlanger deckten sehr gut, so dass sich auch kaum Anspiele für die Kreisläufer ergaben. So mussten also die Rückraumschützen häufiger auf den Plan treten. Das taten sie auch, aber oft zu schnell, immer wieder vom guten Erlanger Block behindert – das ergab zwar auch einige abgefälschte Tore, aber viel öfter wurden die Chancen vergeben.

Mindestens dreimal konnte der starke Erlanger Keeper Golla geworfene Bälle wie ein Fußballtorhüter festhalten – im Handball gemeinhin die Höchststrafe für einen Werfer! Dabei führte der HSC 5:7, Fabian Apfel parierte zudem einen Siebenmeter, alles das war geeignet, um die Coburger zu pushen, und trotzdem konnte Erlangen zum 7:7 ausgleichen. Wieder zog Coburg daraufhin auf 7:9 in der 24. Minute davon – das hätte dem HSC Sicherheit und Stabilität verleihen und die Hausherren ins Schlingern bringen müssen. Aber im Gegenteil – in den folgenden etwas mehr als fünf Minuten bis zur Pausensirene gelang den Oberfranken kein einziger Treffer mehr, während sich der HCE steigerte und mit fünf Toren in Serie mit einer 12:9-Führung in die Kabinen gehen konnte.

Nach der Pause erzielte Erlangen das 13:9, aber die Coburger, bei denen außer Fabian Apfel kein Spieler Normalform erreichte, zeigten immerhin eine tolle Moral und hohen Einsatz. Sie warfen sich in jeden Ball, versuchten, jeden Abpraller zu holen, und kämpften sich trotz offensichtlicher Defizite mit viel Aufwand ins Spiel zurück. Es folgten die Anschlusstreffer zum 13:10 und 13:11, und nach dem zwischenzeitlichen 14:12 konterten die Coburger mit dem 14:13-Anschlusstreffer in der vierzigsten Minute. Alles war wieder offen, denn auch die Erlanger schwammen nun gehörig. Doch beim HSC lief immer dasselbe Muster ab: lagen die Jungs relativ hoch in Rückstand, schafften sie es mit viel Leidenschaft, den Anschluss wiederherzustellen.

Doch wenn der HSC drauf und dran war, das Spiel zu seinen Gunsten zu drehen, wenn der Gegner schon erkennbar schwächelte, dann setzte Komplettversagen ein. Zahlreiche Torgelegenheiten wurden selbst in aussichtsreichster Position ausgelassen! Als der HCE seinen Torhüter herausnahm und dafür einen zusätzlichen Feldspieler einsetzte, konnten die HSC´ler zweimal die Chance nicht nutzen, ins leere Tor zu werfen. Dazu kamen noch eklatante Fehlpässe, zu oft flache Würfe, obwohl bekannt war, dass der gute Torwart Golla, einst selbst im HSC-Dress, gerade solche Bälle dank seiner Reaktionsschnelligkeit besonders gut pariert. Die HSC´ler waren im Kopf blockiert, konnten nicht umschalten, nicht aus vergebenen Chancen lernen.

Zwischen der 40. und der 45. Minute setzten sich die Gastgeber wieder von 14:13 auf 16:13 ab. Fünfzehn Minuten waren da in der zweiten Hälfte gespielt, die Erlanger hatten gerade mal vier Tore, die Coburger drei Tore geworfen! Der HSC-Nachwuchs, und das muss man ihm zugute halten, gab nicht auf und kam bis zur 49. Minute wieder auf 16:15 heran. Erneut war die Gelegenheit zum Greifen nahe, das Ruder herumzureißen. Es wollte an diesem Tag aber einfach nicht gelingen, und wenn schon nicht viel klappt, dann müsste eben mal Fortuna zur Seite stehen. Aber die Coburger hatten auch überhaupt kein Glück! Den Mittelfranken gelang es bis zur 52. Minute, den Vorsprung auf 20:15 auszubauen. Damit war der Widerstand der Coburger gebrochen; der HC Erlangen nutzte nun in der Folgezeit jeden Fehler eiskalt aus und gewann verdient mit 25:18.

Am Sieg der Erlanger gibt es nichts zu deuteln, die Erlanger zeigten ein starkes Spiel. Allerdings fiel der Sieg vom Ergebnis eindeutig zu hoch aus. Auch wenn nach einem solchen Spiel reflexartig die Diskussion aufkommt, ob der HSC nicht mit dem verletzten Dino Mustafic oder mit Jakob Knauer besser abgeschnitten hätte – die Erlanger hatten ihrerseits auch personelle Probleme, einige HCE-Spieler waren noch unter der Woche krank und gingen nicht richtig fit ins Spiel, zudem hatten die Coburger Spieler in ähnlicher Aufstellung beispielsweise in Hanau unter Beweis gestellt, dass sie den Ausfall von einem oder zwei Leistungsträgern sehr gut kompensieren können.

Ohne die hervorragende Leistung der Erlanger in irgendeiner Weise schmälern zu wollen: Die Coburger Spieler scheiterten in Erlangen zuallererst an sich selbst, an ihren Nerven, an ihrem Unvermögen im Angriff, aber sie zeigten enorme Leidenschaft und kämpferische Tugenden. Die mitgereisten Coburger Fans, die ein sehr gutes Gespür dafür haben, ob eine Mannschaft nicht ihre Leistung abruft oder ob ihr einfach trotz aller Anstrengung das Pech an den Händen klebt, feierten ihr Team minutenlang mit stehendem Applaus. Sie honorierten damit, dass die Mannschaft sich die Lungen herausgerannt und abgemüht hatte. Ein schönes Zeichen der inzwischen gewachsenen Verbundenheit und starken Identifikation zwischen den Fans (nicht nur Eltern!) und den Spielern.

Für den HSC 2000 Coburg spielten:

Fabian Apfel, Robin Hennig, Tizian Braun – Lukas Dude (3), Benjamin Beyer (3), Louis Korn (2),  Leonard Harreß, Justin Spörke (3), Nils Wendel, Jonas Wolter, Max Preller, Nicolas Carl, Christopher Härtl (5), Niklas Knauer (2/1)

Trainer: Martin Röhrig, Andreas Gahn

Bericht von Reiner Hennig