Coburg geht erstmals in der Arena völlig unter: Nach der hohen Niederlage gegen den ASV Hamm-Westfalen sind Balingen und Nordhorn-Lingen erstklassig.

Der HSC 2000 Coburg blieb zum vierten Mal in Folge ohne doppelten Punktgewinn und verspielte durch das 23:32 gegen den ASV Hamm-Westfalen seine letzte Möglichkeit auf einen Aufstieg in die erste Liga. Die Coburger waren vor 1.834 Zuschauern, viele hatten wohl nicht mehr daran geglaubt, dass ihr Team noch an der HSG Nordhorn-Lingen vorbeiziehen könne, dem Gegner in allen Belangen unterlegen. Sie lieferten ihr schlechtestes Saisonspiel ab und kassierten nach einem 23:36 gegen die TSG Friesenheim in der Saison 2009/2010 ihre höchste Zweitliga-Heimniederlage, die höchste in der HUK Coburg-arena.

„Die Mannschaft sitzt niedergeschlagen in der Kabine, diesen herben Rückschlag müssen wir erst einmal verdauen“, gab HSC-Coach Jan Gorr in der Pressekonferenz zu Protokoll. Vielleicht war es das vor Spielbeginn bereits bekannte Ergebnis des 27:33 zwischen dem EHV Aue und der HSG Nordhorn-Lingen, das dem HSC die Inspiration nahm. Oder es war das Fehlen ihres besten Rückrundenakteurs, Anton Prakapenia, der aufgrund einer Rückenzerrung nicht mitwirken konnte. Auf jeden Fall erwischte der HSC unter den Augen seines zukünftiges Spielers Stepan Zeman und des ehemaligen Akteurs Tomas Riha seinen schwärzesten Tag der gesamten Saison. Das nahm umgehend nach Anpfiff seinen unheilvollen Verlauf.

Es dauerte achteinhalb Minuten bis Coburg seinen ersten Treffer markieren konnte. Da hatte Hamm-Westfalen bereits vier Tore vorgelegt, der Ex-HSCler Oliver Krechel im Tor der Gäste seine ehemaligen Teamkollegen bereits mit einigen Paraden zur Verzweiflung getrieben. „Wir hatten dem HSC schon nach zehn bis 15 Minuten den Zahn gezogen und sie verunsichert“, resümierte ASV-Trainer Rothenpieler. Ein früher, klarer Rückstand war der Mannschaft von Jan Gorr in der Rückrunde bereits vielfach unterlaufen, hinterherzulaufen waren sie also gewohnt. Aber zeitig war zu spüren, dass heute alles anders werden sollte.

„Davon haben wir uns in der gesamten Partie nie erholt“, erkannte Gorr die Überlegenheit des Gegners an. Denn die Abwehr der Hammer erwies sich als 60-minütiges Dauerbollwerk. Zahlreiche Bälle wurden dabei insbesondere von Markus Fuchs herausgeblockt, was nicht selten direkte Gegenzüge einleitete. Coburg versuchte im Spielverlauf viel, doch kaum etwas glückte. Ein bisschen Hoffnung keimte auf, als sie beim 3:5 (9.) heran gekommen waren.

Danach packten beide Torhüter eine Parade nach der anderen aus, so dass fast sechs Minuten kein weiterer Treffer fiel, ehe Hamm deren drei folgen ließ. Die immer ruhiger werdenden HSC-Fans mussten fast zehn Minuten auf den nächsten Torerfolg ihrer Mannschaft warten.

Kapitän Sebastian Weber wirft 1.000 HSC-Saisontor

Den dann 1.000 Saisontreffer ihres Kapitäns Sebastian Weber zum 4:8 (19.) besonders zu feiern, danach war ihnen nicht zumute. Denn immer wieder leistete sich Coburg eklatante Ballverluste, agierte im Passspiel viel zu ungenau und fabrizierte dadurch unzählige Fehlabgaben im Verlauf der Partie, die die Westfalen zum Kontern ausnutzten. Hinzu kam, dass in Phasen, in denen sie Hamm noch einmal hätten „kitzeln“ können, klarste Chancen nicht im gegnerischen Tor landeten.

Der nächste Stich ins Herz kam nach 23 Minuten als Oliver Krechel den vor ihm hintrudelnden Ball nach einem erfolgreichen Block von Fuchs dazu nutzte, um diesen ins leere HSC-Tor zu werfen, die während einer Zeitstrafe einen zusätzlichen Feldspieler für den TW gebracht hatten.

Ex-HSC-TW Oliver Krechel erzielt „Empty-Net-Goal“.

Beim Stand von 7:13 gab es die ersten Pfiffe gegen das Heimteam, ein höchst ungewöhnliches Szenario, dass die Mannschaft auch in die Pause begleitete. Ein Blick in die sozialen Netzwerke zeigt, dass einige Zuschauer bereits zu diesem Zeitpunkt die Halle verließen um sich lieber das DFB-Pokalendspiel anzusehen. Sie glaubten nicht an eine Wende und hatten das richtige Gespür. Obwohl zwei HSC-Treffer in den letzten elf Sekunden vor dem Wechsel die Hoffnung auf Besserung schürten. Auch es wurde kaum besser – Coburg ging nun zwar deutlich energischer zu Werke, aber eine doppelte Überzahl verpuffte.

Hamm zeigte nahezu über die gesamte Distanz der Partie ein sehr gutes Rückzugsverhalten, eroberte sich dadurch wieder einige Bälle zurück und ließ Konter der Coburger ins Leere laufen. Die mühten sich zwar, hatten der Dominanz und Spielfreude des Gegners nichts entgegenzusetzen. Beim 14:23 (39.), drohte das Ergebnis erstmals zweistellig zu werden, der HSC stemmte sich dagegen. Sie verkürzten und hätten nach dem 18:25 sogar noch näher an die Gäste heranrücken können, die zu diesem Zeitpunkt ihre schwächste Phase hatten.

Doch zwei haarsträubende Ballverluste später war Hamm mit zwei Toren innerhalb von 22 Sekunden endgültig auf der Siegerstraße, es dem Ex-HSCler Stefan Lex vorbehalten nach einer vorausgegangenen geschickten Körpertäuschung vom Kreis aus das Ergebnis auf zweistellig (20:30) zu stellen. Das war der Zeitpunkt, an dem viele Zuschauer maßlos enttäuscht und mit versteinerten Mienen die Halle verließen. Danach ließen beide Teams die einseitige Partie austrudeln. Die Coburger verspielten damit ihre letzte rechnerische Chance auf Platz zwei und müssen jetzt im Vergleich mit Hamm auch noch ihren dritten Platz verteidigen. Beide Teams sind punktgleich, die bislang komfortable und deutlich bessere Tordifferenz des HSC ist durch die hohe Niederlage auf 16 Tore im Vergleich zum Gegner geschrumpft. Zudem wurden Nordhorn-Lingen und Balingen vorzeitig in die erste Liga gehievt. Die Nordhorner konnten, auf der Heimfahrt aus dem Erzgebirge, ihr Glück kaum fassen.

Stimmen

HSC-Trainer Jan Gorr: „Wir haben heute den Glauben an uns verloren. Wir können viel besser Handball spielen und ich hätte mir gewünscht, dass mein Team mehr Gegenwehr gezeigt hätte. Der Wille, die Partie umzudrehen, war nicht vorhanden. Das war nicht unser Heimgesicht, das war unsere schlechteste Saisonleistung. Bei Hamm hat alles perfekt zusammengepasst.“

ASV-Trainer Kay Rothenpieler: „Die Art und Weise, wie mein Team diese Aufgabe hier gelöst hat, da kann ich nur den Hut ziehen. Sie hat Eins-zu-Eins das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten. Sicherlich hatte Coburg nicht seinen besten Tag erwischt, aber wir haben sie nie ins Spiel kommen lassen, immer die richtigen Lösungen gefunden.“

Ex-HSCler Oliver Krechel: „Für uns war es ein schönes Spiel, für die Coburger leider nicht. Das tut mir für sie auch ein bisschen leid. Aber schon vor dem Spiel war klar, dass für sie nur mit ganz viel Glück in Richtung erste Liga noch etwas geht. Die Höhe des Erfolges war so aufgrund der Heimstärke von Coburg nicht zu erwarten.“

HSC-Youngster Jakob Knauer: „Wir haben die Partie von Anfang an verpennt, kamen gar nicht aus den Startlöchern. Das blieb dann auch weiter so, wir finden nicht den Schalter um das Spiel umzudrehen. Zwar war es nach der Pause bisschen besser, wir machen aber genauso viele technische Fehler und laden Hamm damit zu Gegentoren ein.“

Statistik

HSC 2000 Coburg – ASV Hamm-Westfalen 23:32 (10:16)

HSC 2000 Coburg: Jan Kulhanek (1 Parade, 11 Gegentore), Konstantin Poltrum (8 Paraden, 21 Gegentore); Markus Hagelin (2), Maximilian Jaeger (1), Lukas Wucherpfennig, Felix Spross (2), Sebastian Weber (1), Florian Billek (8/4), Marcel Timm (1), Jakob Knauer (3), Pontus Zettermann (1), Tobias Varvne (3), Patrick Weber (1), Christoph Neuhold. – Trainer: Jan Gorr.

ASV Hamm-Westfalen: Felix Storbeck (0 Paraden, 1 Gegentor), Oliver Krechel (12 Paraden, 22 Gegentore, 1 Tor); Lukas Blohme (4), Fabian Huesmann (2/1), Jan Brosch (3), Markus Fuchs (2), David Mirko Spiekermann, Vincent Sohmann (2), Jakob Schwabe (2), Stefan Lex (4), Sören Südmeier (5), Lars Gudat, Vyron Papadopoulos (2), Jan von Boenigk (5). – Trainer: Kay Rothenpieler.

SR: Adrian Kinzel / Sebastian Grobe.

Spielfilm: 0:4 (9.), 3:5 (13.), 3:8 (17.), 4:10 (20.), 5:12 (23.), 7:12 (25.), 7:14 (27.), 8:16 (30.), 10:16 – 12:18 (33.), 13:19 (34.), 13:22 (38.), 15:24 (41.), 16:25 (43.), 18:25 (46.), 20:28 (50.), 20:31 (55.), 21:31 (57.), 23:32.

Zuschauer: 1834.

Siebenmeter: 4/5 (Billek scheitert an Krechel, trifft im Nachwurf). – 1/2 (Spiekermann wirft am Tor vorbei).

Strafminuten: 6 (Zettermann, Hagelin, Timm) – 4 (Brosch, Fuchs).

Beste Spieler: Billek – Fuchs, Südmeier, Blohme.

Bericht von Ralph Bilek

Bild von Henning Rosenbusch