Handball-Bundesliga: Der HSC 2000 Coburg muss gegen den THW Kiel ein anderes Gesicht zeigen. Letztes Aufeinandertreffen kann als Mutmacher dienen. „Mit gutem Gefühl aus der Halle gehen.“

Coburg – Zehn Tage hatte der HSC 2000 Coburg durch die EM- und Olympia-Qualifikationsspiele Zeit, die deftige, historische Klatsche in Magdeburg, die höchste der seit vergangenem Mittwoch nun 21-jährigen Vereinsgeschichte, zu verdauen. Wobei am heutigen Abend (Anwurf um 18 Uhr/live auf Sky) neues Ungemach „droht“. Denn zu Gast ist Titelverteidiger und Rekordmeister THW Kiel, der sich auf dem Weg zur erfolgreichen Titelverteidigung wohl kaum vom Tabellenschlusslicht stoppen lassen wird.

Die Kieler, die vor der Nationalmannschaftspause sieben Spiele innerhalb von 13 Tagen zu absolvieren hatten und die in zwei Wochen zum Monatswechsel richtungsweisende Spiele zu absolvieren haben (Champions League-Achtelfinale gegen Pick Szeged und das Liga-Top-Spiel gegen Flensburg) bereiten sich aber auch auf Coburg so professionell wie immer vor. Nach den zahlreichen Abstellungen, elf Spieler weilten bei ihren Nationalteams, hat der THW erst am gestrigen Nachmittag wieder zusammen trainieren können. Das war dann gleichzeitig das Abschlusstraining, die Anreise nach Coburg erfolgt erst am heutigen Spieltag. Aus Sicherheitsgründen, der THW musste im Saisonverlauf bereits zwei Mal in Quarantäne, wurden die Spieler die wegen der Olympia- und EM-Qualifikation unterwegs waren, zusätzlich zu den PCR-Test nochmals mit Schnelltests getestet um das Risiko einer Corona-Infektion so gering wie möglich zu halten.

Dem HSC hat die Pause gut getan. „Zum Verarbeiten nach Magdeburg war das gut“, stellt HSC-Coach Mráz fest, der von seiner Mannschaft fordert, sich gegen Kiel mehr auf die eigenen Stärken zu besinnen. Denn übermächtig ist der Gegner allemal, könnte mit Pekeler, Ekberg, Wiencek, Duvnjak, Zarabec, Weinhold und Landin locker selbst eine Ligaauswahl stellen. „Es geht darum unser Spiel zu spielen – das müssen wir erledigen.“ Mráz weiß auch, dass der Gegner Fehler wie im Magdeburg-Spiel rigoros bestrafen wird, fordert Geduld im Spielaufbau, eine sichere Spielanlage. „Wir müssen schlauer agieren, den Ball länger in den eigenen Händen halten, uns so wenig technische Fehler wie möglich erlauben, effektiv agieren. Wichtig ist, dass wir aus der Partie in Magdeburg die richtigen Lehren gezogen haben. Das soll die Mannschaft zeigen.“

Bis zuletzt hat sich Mráz Gedanken über die Aufstellung gemacht. „Vielleicht nehmen wir ein paar Änderungen vor.“ Ob es dabei zu einem Comeback von Jakob Knauer kommen könnte, ließ er offen. Froh ist er jedenfalls, dass Nezhad gute Fortschritte macht. Doch egal wer letztlich auf der Platte steht, Coburg bleibt in diesem Duell der absolute „Underdog“ – hat aber überhaupt nichts zu verlieren.

Zumindest sollte eines nicht passieren – dass das Spiel bereits nach sieben Minuten abgehakt werden kann. Denn in Magdeburg lag der HSC zu diesem Zeitpunkt bereits 0:8 zurück. Viel lieber wäre es den HSC-Beteiligten es würde so laufen wie beim letzten Aufeinandertreffen am Mai 2017. Da führten die Coburger in Kiel 110 Sekunden vor dem Abpfiff mit 26:25, verloren dann aber doch noch 26:28 – trotzdem ein Mutmacher für die heutige schwere Partie. Eines ist dem HSC-Coach wichtig: „Egal wie die Partie endet – wir wollen mit einem guten Gefühl aus der Halle gehen.“

 

Die Akteure

HSC 2000 Coburg: Kulhanek, Poltrum; Sproß, Kelm, Nenadic, Billek, Mustafic, Zettermann, Varvne, Kassing, Kurch, Zeman, Grozdanic, Schröder, Neuhold. Trainer: Alois Mráz. (es fehlen: Apfel, Preller, Knauer, Nezhad, Schikora, Dettenthaler)

THW Kiel: N.Landin, Quenstedt; Ehrig, Duvnjak, Sagosen, Reinkind, M.Landin, Sunnefeldt, Weinhold, Wiencek, Ekberg, Dahmke, Zarabec, Voigt, Horak, Pekeler. Trainer: Filip Jicha.

Schiedsrichter: Thomas Kern / Thorsten Kuschel

 

Die Lage in der Liga

Nach der Olympiaqualifikation starten die Erstligisten gleich wieder voll durch und absolvieren den 21. und 22. Spieltag innerhalb von fünf Tagen. Dabei geht der Blick des HSC natürlich auch zur Konkurrenz auf den hinteren Plätzen. Heute und morgen heißt es wohl eher Daumen drücken, dass die Abstiegskonkurrenz nicht weiter enteilt. Zwar haben alle vier schwere Kaliber vor sich, aber zumindest zwei agieren bei sehr wankelmütigen Teams, die im Saisonverlauf schon für negative Überraschungen aus ihrer Sicht gesorgt haben. Dabei hat nur die HSG Nordhorn-Lingen Heimrecht, erwartet die MT Melsungen. Genau aufgrund der Wechselhaftigkeit der Melsunger Leistungen rechnet sich HSG-Coach Daniel Kubes sicher eine Siegoption aus. Aus gleichem Grund sind auch die Eulen Ludwigshafen nicht chancenlos.

Denn ihr Gastgeber, die Rhein-Neckar Löwen, hatten im Saisonverlauf auch schon ein paar „Hauer“ drin, in eigener Halle bereits fünf Punkte abgegeben. Wie Melsungen hinken auch die „Löwen“ ihren eigenen Ansprüchen hinterher. Also warum sollten nicht auch die Eulen für eine Überraschung sorgen. Die hatte TuSEM Essen zuletzt gegen die Füchse Berlin auf der Hand. Nicht zuletzt deswegen sind sie beim HC Erlangen ebenfalls nicht chancenlos. Die Füchse hingegen wollen ihre eigene Partie gegen GWD Minden diesmal nicht so eng werden lassen. Trotzdem muss der HSC damit rechnen, dass die ein oder andere Mannschaft im Tabellenkeller punktet.

 

Randnotizen

Pleiten – In der ersten Liga hat der HSC nun die höchsten Niederlagen gegen den SC Magdeburg kassiert. Das 22:43 vor zehn Tagen in der GETEC-Arena, ein 27:42 im Dezember 2016 in eigener Halle. Auch in der 3. Liga gab es die höchste Heimniederlage beim 32:40 im Januar 2005 gegen die Magdeburger, damals die zweite Mannschaft. Auswärts steht als Negativum ein 17:32 im Oktober 2002 bei der SG Werratal zu Buche. In der zweiten Liga setzte es die heftigsten Pleiten gegen derzeitige Ligakonkurrenten. Im November 2009 mit 20:32 bei TuSEM Essen, einen Monat später in eigener Halle mit 23:36 gegen die TSG Friesenheim, heute Eulen Ludwigshafen.

Ausgeglichenheit – Beim THW Kiel zeigt sich das schon dadurch dass mit Niklas Ekberg (99/43) auf Platz Elf der Torschützenliste kein weiterer Spieler unter den TOP 40 zu finden ist. Harald Reinkind folgt auf Rang 42 mit 66 Treffern. Hinzu kommt mit Niklas Landin ein ausgezeichneter Torhüter, der hinter Benjamin Buric (Flensburg) in der Fangquote Platz zwei einnimmt, zuletzt auch vier Strafwürfe parierte.

Zahlen – In der Begegnung gegen Magdeburg hat Dominic „Bobo“ Kelm mit 324 Spielen zu Ronny Göhl aufgeschlossen und braucht noch einen Einsatz um der HSC-Feldspieler mit den meisten Einsätzen zu sein. Vor ihm liegt nur noch TW Havard „Howi“ Martinsen mit 354 Einsätzen. Hinter Kelm folgt Florian Lendner mit 280 Spielen, dann bereits Florian Billek mit derzeit 214 absolvierten Partien. Insgesamt kamen in den 21 Jahren seit Vereinsgründung bisher 131 Akteure für die erste Mannschaft des HSC zum Einsatz, der zunächst letzte war die Neuverpflichtung auf der Torhüterposition, Paul Dreyer.

Pekeler – Der Kieler Kreisläufer und Handballer des vergangenen Jahres, Hendrik Pekeler, war vor zehn Jahren auch als Neuzugang beim HSC 2000 Coburg im Gespräch. Eine Verpflichtung klappte aber nicht und über den Bergischen HC, Lemgo und die Rhein-Neckar Löwen ging es für ihn zurück nach Kiel, für die er bereits 2009/2010 im Kader stand. Somit wäre wohl auch er einer von inzwischen vielen gewesen, die nach zwei „Fortbildungsjahren“ die Coburger in Richtung höherer ambitionierter Vereine verlassen haben.

 

Bericht von Ralph Bilek

Bild von Svenja Stache