2. Handball-Bundesliga – Ein Remis war fast greifbar, doch dann ging der Ball verloren. Beide Teams wurden dem Spitzenspiel gerecht.

Coburg – Der HSC 2000 Coburg geht zwar als Spitzenreiter in die Länderspielpause, musste aber seine erste Saisonniederlage hinnehmen. Gegen TUSEM Essen gab es eine bittere 29:30-Niederlage, die die Coburger mit einem Ballverlust 10 Sekunden vor dem Abpfiff letztlich selbst verschuldeten. Allerdings hätte die Partie durchaus anders ausgehen können, denn beide Mannschaften boten Zweitliga-Spitzenhandball, die Partie nahm viele Wendungen.

Mit bittersüßer Miene saß HSC-Coach Jan Gorr eine Stunde vor Anwurf an der Seitenlinie. Die Erklärung dafür hatte er sofort parat: „Markus Hagelin und Marcel Timm sind im Abschluss-Training umgeknickt, beide sind wahrscheinlich nicht einsatzfähig, endgültig entscheiden war nach dem Aufwärmen.“ Verletzungen kommen zwar vor, aber die beiden trafen die Coburger an empfindlicher Stelle. „Auch für Sebastian Weber kommt der Einsatz zu früh, da müssen wir bis zum Lübeck-Spiel warten“, fuhr Gorr fort. Das bedeutete, dass sein Team fast von heute auf morgen plötzlich ohne etatmäßigen Kreisläufer dastand. Da war Erfindergeist gefragt und deswegen kam Dominic „Bobo“ Kelm zu seinem 303. Einsatz im HSC-Trikot.

Sofort war richtig Stimmung in der Arena und gleich hatte der HSC das Glück des Tüchtigen, als ein Wurf von Zettermann vom Pfosten in den Rücken von TUSEM-TW Bliß sprang und von dort ins Tor. Das war das 3:1, das die Gäste aber schnell in eine eigene Führung drehten. Gleichzeitig gab es eine Zeitstrafe für die Coburger, bei denen das Fehlen von Hagelin in der Abwehr schon auffiel. Pech hatte danach Billek, dessen Wurf am Innenpfosten landete. Zum Glück traf Witzke mit dem Abpraller nicht ins verlassene HSC-Tor. Trotzdem standen nach nicht einmal zehn Minuten bereits 14 Treffer zu Buche. Essen gelang sehr viel über die Mitte, aber mit viel Übersicht gab es immer wieder Situationen über den Kreis, die der HSC nicht zu verhindern wusste. Die Vier-Tore-Führung der Gäste nach 12 Minuten, die eine hart zupackende Abwehr hinstellten, war die logische Konsequenz. Gorr rief zur Auszeit. Drei Minuten später war es TUSEM-Trainer Siewert, der sein Team zu sich holte. Was war inzwischen passiert? Nach genau gespielten 12 Minuten und 41 Sekunden gab es Szenenapplaus für „Rückkehrer“ Kelm. Zuvor hatte es für die Gäste die erste Zeitstrafe gegeben, der wenig später die zweite gegen den gleichen Spieler folgte, der Timm am Kreis zu hart nahm und Coburg hatte den direkten Anschluss geschafft.

Zwischenzeitlich hatte den HSC das Glück etwas verlassen, Abpraller landeten beim Gegner und als Zettermann nach einem „Steal“ auf dem Weg zum Ausgleich war, versprang der Ball. Doch das Blatt wendete sich wieder. Endlich gab es einen Abpraller für Coburg und Billek steuerte auf das verlassene gegnerische Tor zu (3. Zeitstrafe für Essen) und vollendete zum Ausgleich, dem Varvne mit einem „Hammer“ kurz darauf die 13:12 folgen ließ. Danach war es vor allem der Einsatz von Marcel Timm am Kreis, der trotz sichtbarer Schmerzen aufgrund seiner Bänderverletzung, für eine Zwei-Tore-Führung sorgte. Danach waren die Fans mit einigen Entscheidungen der SR alles andere als einverstanden. Besonders ein Siebenmeterpfiff dem ein Stürmerfoul an Jaeger vorausgegangen war, ließ die HSC-Fanseele überkochen. Skroblien warf den Siebenmeter danach allerdings übers Tor, so dass es für HSC mit einer knappen Führung und mit einem kurzen Gerangel zwischen Dennis Szczesny und Pontus Zettermann in die Pause ging.

Fast leichtfertig gab Coburg nach dem Wechsel die Führung aus der Hand, schloss zwei Mal überhastet ab, zudem warf jetzt auch Billek einen Strafwurf über das gegnerische Gehäuse. Coburg musste sich jetzt auch etwas gegen die 5:1-Deckung einfallen lassen, was mit viel Übersicht gelang. Aber auch Essen bewies mit einem Rückhandanspiel an den Kreis Spielwitz. In doppelter Überzahl verfehlte dann auch ein Wurf des HSC das leere Tor, so dass dieser numerische Vorteil insgesamt verpuffte und sie weiter einem Rückstand hinterherliefen. Sie machten es dem Gegner in dieser Phase zu einfach, die letzte Konzentration fehlte, was auch Gorr an der Seitenlinie aufbrachte, der dann aber schnell wieder sein Team anfeuerte. Innerhalb von 15 Sekunden fiel dann doch wieder die Führung für Coburg. Erst netzte Prakapenia ein, dann wurde der Konter von Kulhanek pariert und im direkten Gegenzug traf Jaeger zum 23:22. Danach nahmen sich die Akteure eine kleine Verschnaufpause.

Aber es blieb eng und spannend, bei Essen war es die Achse Firnhaber-Szczesny, die auch immer wieder ihren Kreisläufer in Szene setzte, beim HSC Varvne-Zettermann-Prakapenia. Und Marcel Timm biss weiter auf die Zähne. Die Coburger hatten lange den Vorteil, einen Treffer vorlegen zu können, beim 27:26 sogar mit einer Pirouette von Zettermann vor dem Torerfolg. Doch als die SR ein Foul gegen Marcel Timm, der weggeschoben wurde, nicht ahndeten und dem Kreisläufer dann eine Zeitstrafe verpassten, weil er den Ball nicht freigab, kippte dieser Vorteil. Nun lief Coburg immer den vorgelegten Treffern des Gegners hinterher. Zudem fehlte fast im gesamten zweiten Durchgang die spielerische Leichtigkeit, mit der sie bisher überzeugt hatten. Sie mussten für ihre Torerfolge meist viel mehr arbeiten als der Gegner, der zudem die Lücken in der Coburger Abwehr gerade in der letzten Viertelstunde immer schonungsloser aufdeckte. Da hätte ein Markus Hagelin in der Form der vergangenen Wochen gut getan. Trotzdem hatte der HSC selbst die Chance, beide Punkte zu behalten oder zumindest einen Zähler zu sichern.

Stimmen

HSC-Trainer Jan Gorr: „Beide Mannschaften haben viel investiert, es war eine Partie mit viel Energie und Tempo. Nach der Pause hat bei uns die Abstimmung in der Abwehr nicht gepasst, im Angriff wurde viel gearbeitet, zu wenig gespielt. Kleinigkeiten haben für unsere Niederlage den Ausschlag gegeben.“

TUSEM-Trainer Jaron Siewert: „Niederlage, Unentschieden, Sieg – alles war heute möglich. Die Gegner haben immer wieder taktisch auf den anderen reagiert, niemanden wurde etwas geschenkt, es war ein echtes Spitzenspiel vor überragender Kulisse mit einer tollen Stimmung. Wir können glücklich sein, den Ball kurz vor Spielschluss bekommen zu haben.“

HSC-Geschäftsführer Michael Häfner: „Es war ein Spiel auf Augenhöhe und mit einem Unentschieden wären beide Teams gerecht bedient gewesen. Im Sport ist es aber eben so, dass Kleinigkeiten entscheiden. Diesmal waren die letzten Sekunden wahnsinnig bitter für uns. Essen hat eine unglaubliche Präzision und Qualität im Positionsspiel und Gegenstoß, haben Überzahlspiele ausgenutzt. Wir haben uns vieles oft schwer erarbeiten müssen.“

HSC-Rechtsaußen Florian Billek: „Eigentlich ist es Unentschieden-Spiel, es geht hin und her. Gerade in der Deckung haben wir nicht unser bestes Heimspiel gemacht, aber die Partie an sich hat das gehalten, was sie versprochen hatte. Wir machen den Fehler, Essen bestraft ihn.

HSC-Kreisläufer Marcel Timm: „Wir haben den Ball, die Chance das Spiel zu gewinnen und dann passiert uns der blöde Pass. Wir haben aber ein gutes Spiel abgeliefert, alle waren total heiß, doch jetzt stehen wir ohne Punkte da.“

 

 

Statistik

HSC 2000 Coburg – TUSEM Essen                                                                                           29:30 (17:16).

HSC 2000 Coburg: Jan Kulhanek (30 Gegentore, 8 Paraden), Fabian Apfel (n.e.); Markus Hagelin, Maximilian Jaeger (1), Lukas Wucherpfennig, Felix Sproß (1), Dominic Kelm (1), Lukas Dude, Anton Prakapenia (1), Florian Billek (10/4), Marcel Timm (3), Jakob Knauer (1), Pontus Zettermann (3), Tobias Varvne (4), Christoph Neuhold (4). Trainer: Jan Gorr.

TUSEM Essen: Sebastian Bliß (19 Gegentore, 5 Paraden), Moritz Mangold (10 Gegentore, 2 Paraden); Noah Beyer (2), Jonas Ellwanger (4), Luca Witzke (2), David Cyrill Akakpo, Dennis Szczesny (4), Carsten Ridder (1), Justin Müller (2), Lucas Firnhaber (4), Malte Seidel, Felix Klingler (4), Tom Skroblien (3), Niklas Ingenpass, Tim Zechel (4). Trainer: Jaron Siewert.

SR: Christoph Maier / Michael Kilp

Spielfilm: 3:1 (3.), 4:5 (6.), 5:7 (9.), 6:10 (13.), 9:10 (16.), 12:12 (20.), 13:12 (21.), 14:14 (24.), 16:14 (27.), 17:16 – 18:16 (31.), 18:19 (35.), 21:21 (38.), 23:22 (41.), 23:23 (45.), 26:25 (50.), 27:28 (54.), 28:29 (56.), 29:29 (58.), 29:30.

Zuschauer: 2.702 in der HUK-Coburg arena

Siebenmeter: 4/5 (Billek wirft übers Tor) – 1/2(Skroblien wirft übers Tor)

Strafminuten: 6 (Zettermann 4, Timm 4) – 10 (Zechel 4, Seidel 4, Akakpo)

Beste Spieler: Timm, Billek – Szczesny, Firnhaber

 

Bericht von Ralph Bilek

Bild von Henning Rosenbusch (www.henning-rosenbusch.de)